SKS Kunst&KulTouR berichtet – Farbe, die alles überstrahlt
Sprühpistolen und Spraydosen sind Grosses bevorzugtes Werkzeug. Mit ihnen erobert sie Häuserfassaden, Innenräume und ganze Architekturen. Was dabei entsteht, lässt Betrachter regelmäßig staunen, nicht selten mit einem Hauch Ungläubigkeit. Denn diese Kunst ist nichts weniger als monumental. Hinter der scheinbar spielerischen Farbexplosion verbirgt sich stets eine akribische Planung, wie sie auch im 26 Meter hohen Kuppelsaal des Kunstgebäudes deutlich wird. Dort verschmilzt eine eigens für Stuttgart entwickelte, raumgreifende Aluminiumstruktur mit einem Meer aus Farbe. Manche Besucher sahen darin augenzwinkernd die Überreste abgestürzter Weltraumraketen.
Einen spannenden Kontrast zur üblichen Farbintensität bilden zwei weitere, exklusiv für Stuttgart entstandene Arbeiten: Zum einen eine riesige, farblich stark reduzierte Leinwandskulptur, deren Bahnen nahezu endlos erscheinen, zum anderen eine großdimensionierte weiße Styroporstruktur mit dem Titel „Ghost“. Auch wenn der Name anderes suggeriert – die Assoziation zu einem zerklüfteten Eisberg stellt sich beinahe zwangsläufig ein.
Gerade vor dem Hintergrund aktueller Nachhaltigkeitsdebatten bleibt ein ambivalentes Gefühl: Diese drei spektakulären Werke sind nicht für die Zukunft gemacht. Sie lassen sich nicht demontieren, nicht weiterreisen, nicht erneut zeigen. Ob man hier von „Wegwerfkunst“ sprechen möchte oder nicht, bleibt der individuellen Bewertung überlassen, ein leiser Zweifel schwingt dennoch mit.
Ein besonderer Reiz der Stuttgarter Ausstellung liegt in den plastischen Arbeiten aus dem Frühwerk Katharina Grosses, von denen viele erstmals öffentlich zu sehen waren. Darunter ein geradezu rührendes, dauerhaftes Objekt: Werkverzeichnis Nr. 1 ihres Œuvres – ein ausgeblasenes Hühnerei, das die Künstlerin im Alter von elf Jahren als Osterei bemalt hat. Ein stiller, fast poetischer Gegenpol zu den raumfüllenden Farbgewittern.
„The Sprayed Dear“ war zweifellos ein Fest für die Netzhaut. Die Farbexplosionen und Dimensionen der Werke überwältigen. Und doch bleibt am Ende eine offene Frage: Bestimmt hier der Eventcharakter den Blick stärker als die geistige Auseinandersetzung mit der Kunst selbst? Eine Frage, die man mit nach Hause nimmt – ebenso wie die Erinnerung an Farbe, die alles überstrahlt.
Text und Foto: Norbert Klotz
